60 Jahre im Zeitraffer
Kleine Anfänge
Drei Menschen – den Juristen Herrn Rompel für
Arbeits- und Sozialrecht, Herrn Mollenhauer für Verwaltung und
Finanzen, Frau Krell, Sekretärin fand
Herr Dr. Wolfgang Eichler,
der zweite Nachkriegs-Hauptgeschäftführers von HESSENMETALL (1949 –
1963) bei seinem Amtsantritt vor, wie er auf der 40-Jahr-Feier
berichtete. Daneben zweieinhalb Zimmer in der Börse, wo wir durch die
Gastfreundschaft der Industrie- und Handelskammer Frankfurt ein
Unterkommen, gefunden hatten, ein Auto und einen Sack voll Schulden.

1951 die erste große Herausforderung: Mut zur Tarifautonomie
1951
gab es den ersten Streik in Hessen. Die IG Metall forderte 8 Pfennig
Lohnerhöhung, was blankes Entsetzen auslöste. Der IG-Metall-Bezirkschef
Hans Eick tönte damals im Hessischen Rundfunk: „Erinnern Sie sich noch
der vollen Läden anlässlich der Währungsreform?... Erinnern Sie sich
auch noch jener Umwertung aller geldlichen Dinge, die am 20. Juni Sie
zum armen Menschen gemacht hat, die die Sparer und Rentner enterbte,
die Invaliden, Flüchtlinge in den Kreis der Ärmsten zurückwarf …? Wirkt
es nicht wie bitterer Hohn, wenn angesichts solcher Ausgangsstellung,
in der alle einmal arm waren, …der einseitig gebildete Reichtum seine
ironische Fratze zeigt?“
Die Arbeitgeber waren sich einig, nicht
mehr als 2 Pfennig mehr anzubieten. Daraufhin stand Streik vor der Tür.
Original-Ton Eichler:
„Nachdem sich die Lage so festgezurrt
hatte, erschien auf einmal unser Landesvater, Herr Ministerpräsident
Zinn auf der tarifpolitischen Bühne und … bestellte Herrn Jäger und
Herrn Eick zu einem Gespräch in die Staatskanzlei. Herr Zinn war
äußerst empört, dass es zwischen uns keine Einigung gebe. Das dürfe in
seinem schönen ‚Hessenländsche’ auf gar keinen Fall passieren, dass
hier etwa ein Streik von größerer Bedeutung, in einem ganzen
Industriezweig ausbreche. Es gab bis dahin in der Bundesrepublik mal
hier und da ein paar Streikansätze, aber nichts Wesentliches. Er sagte,
er verbitte sich das ganz entschieden und bestände darauf, d
ass die Arbeitgeber per sofort der Gewerkschaft
ein Angebot von 8 Pfennig auf den Tisch legten,…
Der Arbeitgeberverbandsvorsitzende Jäger antwortete: „Herr Ministerpräsident, dieses ist eine Zumutung für uns.
Ich
lehne das hier und an diesem Tisch und in dieser Stunde namens meines
Vorstandes ab. Der Staat hat kein Recht, sich in dieser Form in unsere
Tarifverhandlungen einzuschalten. “Zinn ging praktisch vom
Stuhl an die Decke; das war ihm in seiner Amtszeit bisher noch nicht
geboten worden. Wir gingen von dannen, fanden daheim aber die volle
Unterstützung von Vorstand und Mitgliederrat.
Es kam dann eine
Schlichtung: 3 Pfennig Lohnerhöhung und ein einmalige Jahreszulage von
2 Pfennig.“ Herr Eichler kommentierte den Abschluss nach dem ersten
großen Streik in Deutschland, der in Hessen stattfand, so; „Es maulte
keiner mehr über den Streik….
Beide Seiten wussten, dass man mit
der anderen Seite nicht spaßen konnte… und es bestand Respekt zwischen
Regierung und Unternehmern.“Der Aufbau (1952 – 1965)
Nach
dem Streik ging es um das Thema Akkord – und die Verständigung zwischen
den Juristen und Ingenieuren der Mitgliedsunternehmen von HESSENMETALL
war schwierig. Da schlug Herr Eichler die
Einstellung eines Verbandsingenieurs
vor, was den Vorstand zunächst spaltete: Die Kaufleute im Vorstand
reagierten sauer, die Ingenieure schmunzelten, aber die Planstelle
wurde genehmigt. Der
übrigens auch bundesweit erste Verbandsingenieur
Max Schäfer schlug als gefragter Berater der Firmen so sehr ein, dass
sie ihn vielfach abwerben wollten. Wenige Jahre später war die
Ingenieursabteilung ein fester Bestandteil des Verbandes geworden. Und
mit der Gründung des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaften
durch Gesamtmetall bekam die flächendeckende Professionalisierung in
Deutschland eine Organisationsform.
Nach dem ersten Ingenieur kam der
erste Volkswirt, damit – nach Gründung der
Streikkasse – das Gespräch mit den Wirtschaftsjournalisten professionell geführt werden konnte. Und dann kam der
erste Pressesprecher.
Dieser wiederum sorgte für mehr Bekanntheit, was andere
gesellschaftliche Gruppen aufmerksam machte, die mehr von den
Vorstellungen der Unternehmer und den Zusammenhängen der Wirtschaft
wissen wollten: die Lehrer, die Pfarrer, die Professoren und die
Bundeswehr. Aber auch die Unternehmer selbst und deren Mitarbeiter und
Betriebsräte, die mehr wirtschaftliche Allgemeinkenntnisse vermittelt
bekommen sollten und wollten.
Dann kamen das Bildungsförderungswerk des Arbeitgeberverbandes und das
Bildungswerk der hessischen Wirtschaft.
1987 mit 100 Mitarbeitern, heute – wenn man alle Bildungswerke von VSB
bis GfW und die Tochtergesellschaften des Bildungswerks von Consult
Personaldienstleistungen bis Kompass dazuzählt – mit 600
festangestellten und weiteren 500 freien Mitarbeitern und 600
Zeitarbeitern.
1953 hatte der Gesetzgeber den Sozialpartnern die
Selbstverwaltung der Sozialversicherung übertragen. Die Arbeitgeberverbände in Hessen mussten einschließlich der ehrenamtlichen Richter
2.200 Repräsentanten der Arbeitgeberseite mobilisieren – ein Drittel allein von der Metallseite. Und so entstand die
Abteilung Sozialpolitik.
Das
Ende dieser Aufbauzeit in den ersten 15 Jahren markiert der
Umzug in die Villa in der Lilienthalallee.
Eichler bilanzierte 1987: Aus den ehemals kleinsten Verhältnissen mit
15 Mitarbeitern in allen Geschäftsstellen zusammen ist bis 1987 dann
eine Organisation entstanden mit 100 Mitarbeitern:
„eine
Repräsentanz der hessischen Metallindustrie, die als Tarifpartner in
der Tarifautonomie, als Beratungspartner der Mitgliedsfirmen, als
Selbstverwaltungspartner in der Sozialversicherung, als
Gesprächspartner in Politik und Öffentlichkeit und als
gesellschaftliche Gruppe in unserer Demokratie nicht mehr fortzudenken
ist“.
(…)
Das sind wir noch heute. Natürlich haben
wir danach nicht aufgehört, uns mit dem Ziel Ihres unternehmerischen
Erfolgs vor Augen stetig weiter zu entwickeln.
Aufbau und Wirtschaftswunder kennzeichnen die
fünfziger Jahre.
Die Einkommen folgen der wirtschaftlichen Entwicklung und steigen.
Vieles wird allmählich auch für den Normalverdiener erschwinglich:
moderne Haushaltsgeräte ebenso wie Autos. Noch ist der Samstag ein
Arbeitstag. Doch von 1956 bis 1967 wird die Wochenarbeitszeit von 48
auf 40 Stunden gesenkt und auf fünf Tage verteilt. Es herrscht
Vollbeschäftigung.
Vier Wochen Urlaub sind Ende der
sechziger Jahre üblich. Die ersten machen Ferien über die Landesgrenze hinaus. Die Alpen locken ebenso wie das Mittelmeer.
In den
siebziger Jahren
wachsen weitere Ansprüche. Der Wohlstand für alle ist scheinbar
gesichert. Eine Arbeitszeitkampagne beschert jedem Metaller sechs
Wochen Urlaub.
Die achtziger Jahre bringen jedoch die Wende. Die
Arbeitslosigkeit steigt. Denn Arbeit ist in Deutschland teuer geworden.
Löhne und Lohnnebenkosten sind hoch. Es sind vor allem die einfachen
Jobs, die immer mehr wegfallen. Andere Länder haben aufgeholt und
produzieren viel günstiger. Billigimporte vor allem aus Asien drängen
auf den deutschen Markt. Die Betriebe fangen an zu rationalisieren. Es
wird modernisiert und vor allem automatisiert. Aufwändige Handarbeiten
sind zu teuer. Viele Unternehmen verlagern Teile der Produktion in
sogenannte Billiglohnländer. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs
gehören dazu auch ehemalige Ostblock-Staaten.
Der Arbeitskampf 1984
Am
Beginn dieser Wende steht der Arbeitskampf 1984. Mit äußerster
Erbitterung foch-ten Arbeitgeber und Arbeitnehmer über den richtigen
Weg aus der Arbeitslosigkeit. Die IG Metall forderte die Reduktion der
Wochenarbeitszeit von 40 auf 35 Stunden. Die Arbeitgeber boten viele
Arten von Flexibilisierung der Arbeitszeit.
Die Bilanz:
Sieben Monate Tarifkonflikt,
sieben Wochen Streik, 1,373 Millionen ausgefallene Arbeitstage in Hessen, ab 9. März 1984
Warnstreiks in 173 Betrieben mit über 150.000 Beschäftigten, ab 21. Mai
unbefristete Streiks mit 33.000 betroffenen Beschäftigten, ab 30. Mai Beginn der
Abwehraussperrung mit zunächst 21.000 betroffenen Beschäftigten, ab 19. Juni weiteren 10.000 Beschäftigten. Ein
Schlichtungsergebnis
am 30. Juni, das die sufenweise Reduktion der Arbeitszeit auf 38,5
Wochenstunden vorsah und beide Seiten zur Flexibilisierung der
Arbeitszeit aufforderte. Die
IG Metall hatte sich
mit der Arbeitszeit im Tarifvertrag am Ende
durchgesetzt. Aber es war auch
ein Pyrrhus-Sieg. Denn im Unterschied zur Einführung der 40-Stunden-Woche wurde die
35-Stunde-Woche nie gesellschaftlicher Konsens. Aber es begann auch
eine weltweit beispiellose Flexibilisierungsoffensive,
die Deutschland zum „Flexi-Weltmeister“ machte. In den letzten Jahren
kam die schrittweise Öffnung des Flächentarifvertrages für mehr
betriebliche Lösungen hinzu.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
mir
nötigt das gemeinsam Erreichte großen Respekt ab, dass wir alle als
Arbeitgeberverband HESSENMETALL – seit mehr als 10 Jahren nun auch in
der Tarifgemeinschaft M+E Mitte, und immer in der Koordination mit
Gesamtmetall – nie aufgegeben haben, immer wieder erneut um jeden
Quadratzentimeter mehr unternehmerischen Gestaltungsspielraum zu
ringen. Das werden wir auch weiterhin tun. Aber es wird uns allen nur
gelingen, wenn wir als Arbeitgeber solidarisch handeln und innovativ
gestalten. Dass uns das gelungen ist bei flexibler
Arbeitszeitgestaltung, der Altersteilzeit und der Altersvorsorge mit
der MetallRente stimmt mich zuversichtlich auch für die zukünftigen
Herausforderungen: Demografie, Fachkräftemangel und der Balance aus
Kernmannschaft und Zeitarbeitern. Vielen Dank!