Hessenforum 2010 Referenteninterviews


Man muss jetzt beginnen“

Der Königsweg zur Realisierung einer CO₂-freien Mobilität ist noch nicht
gefunden. Aber Abwarten ist keine Option

Ein Gespräch mit Rita Forst, Geschäftsführerin Engineering der Adam Opel GmbH,  Rüsselsheim

Wer hat es nicht schon erlebt. Man kauft sich ein neues Auto – gleiche Marke und gleicher Typ wie drei Jahre zuvor – und man ist überrascht, was in der Zwischenzeit alles an technischen Weiterentwicklungen stattgefunden hat. Eigentlich hatte man bei der Übergabe des letzten Wagens schon gedacht: "Jetzt ist alles perfekt". Aber weit gefehlt. Gerade die Automobilindustrie zeigt immer wieder, was Innovation für den Verbraucher bedeuten kann. Doch zurzeit stehen wir vor größeren Herausforderungen, als dass sie durch inkrementelle Innovationen bewältigbar wären. Wir sind mitten in einem technologischen „Move“. Die Elektromobilität beherrscht nicht nur die Schlagzeilen der Medien. Sie ist auch in den Entwicklungsabteilungen der großen Automobilhersteller weltweit das Thema Nummer eins und fordert ihre Innovationsfähigkeit heraus. Unterschiedliche Konzepte, unterschiedliche Antriebe, alternative Ladeinfrastrukturen und Speicherkonzepte werden verfolgt. General Motors, Opels Mutterkonzern, steigt noch in diesem Jahr in die Serienfertigung eines Elektrofahrzeugs für den nordamerikanischen Markt ein; Opel selbst legt nächstes Jahr mit dem Ampera für Europa nach. Das Engineering von Opel setzt dabei auf das Konzept des „Elektrofahrzeugs mit verlängerter Reichweite“ als die im Moment beste Lösung: Ein reiner Elektroantrieb, bei dem ein zusätzlicher Verbrennungsmotor für Energie und die erweiterte Reichweite bei Überlandfahrten sorgt. Opel wird mit dem Ampera Ende 2011 das erste Großserien-Elektrofahrzeug dieser Art auf den europäischen Markt bringen. Und doch: Rita Forst weiß heute schon, dass dies nur ein Zwischenschritt ist. Die Ingenieurin und Chefin des weltweit führenden Entwicklungszentrums von General Motors in Rüsselsheim sieht perspektivisch die Brennstoffzelle in der Pole Position. Doch heute ist das Konzept des Ampera für sie die richtige Antwort.

Rita Forst lebt das Thema Innovation: „ Zwei beherrschende Themen sind uns so wichtig, dass wir ganz besonders intensiv daran arbeiten: Alternative Antriebe und innovative Fahrzeugkonzepte. Beide Themen sind eng miteinander verbunden und die Grundlage, auf der wir von der technologischen Seite her unsere Zukunft bauen.“ Bei Fahrzeugen mit alternativen Antrieben arbeitet man bei Opel an drei unterschiedlichen Konzepten. Zum Einen am Elektroantrieb mit konventionellem Verbrennungsmotor als Reichweitenverlängerer, wie beim Ampera. In ihm sieht Frau Forst die richtige Antwort auf das, was heute geboten ist. „Der Ampera ist ein Fahrzeug für die Familie, die auch neben den täglichen, beruflich bedingten Fahrten zum und vom Arbeitsplatz auch längere Fahrten am Wochenende oder in die Ferien unternehmen will. Da im Durchschnitt 80 Prozent aller Fahrten in Deutschland unter 50 Kilometer weit sind, können diese mit dem Ampera, der 60 Kilometer rein aus der Batterie fahren kann, völlig emissionsfrei erledigt werden. Der zusätzliche Verbrennungsmotor ermöglicht aber eben auch weitere Fahrten und überwindet das Problem der Reichweiten-Angst herkömmlicher Elektroautos, d.h. die Sorge vor dem Liegenbleiben und mehrstündiges Laden der Batterie. Auf der nächsten Stufe arbeiten ihre Teams an einem rein batterieelektrischen Kleinwagen für die Stadt und auf der dritten Stufe an einem Konzept mit Brennstoffzelle, dem keine Grenzen bezüglich Größe bzw. Funktion des Automobils gesetzt sind.

„Das sind die drei Spielarten, die im Moment betrieben werden müssen und das erfordert ein kluges Innovationsmanagement. Denn einerseits muss alles finanziert und anderseits über Ressourcenmanagement auch effizient betrieben werden. Es ist eine große Herausforderung alle drei dieser Ebenen gleichzeitig zu bearbeiten.“
 
Es ist also einiges zu tun und Rita Forst macht klar, dass die Entwicklung für morgen nicht die Arbeit an heute bereits umsetzbaren Lösungen ersetzen darf. Sie weist darauf hin, dass auch bei den konventionellen Diesel- und Benzinmotoren noch nicht alle Potentiale gehoben sind. Auch alternative Kraftstoffe, wie Flüssiggas und Erdgas bieten noch eine Reihe von Möglichkeiten, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Eine Arbeit, die sich lohnt: „Auch in zwanzig Jahren werden wir multiple Antriebe haben“ zeigt sich Frau Forst im Gespräch überzeugt und verweist auf die unterschiedlichen Anforderungen. „Ich kann mir vorstellen, dass wir im Stadt- und Regionalbetrieb tatsächlich auf reine Elektroantriebe setzen können. Dort lässt sich die benötigte Ladeinfrastruktur leicht aufbauen und der Großteil der zurückzulegenden Wege sind Kurzstrecken. Für längere Fahrten wird sich meines Erachtens aber über kurz oder lang die Brennstoffzelle durchsetzen. Und für den Schwerlastverkehr wird auch der normale Verbrennungsmotor noch sehr lange eine große Rolle spielen.“ Dass Opel und General Motors von der Brennstoffzellentechnologie überzeugt sind, ist spürbar. Seit langem schon forscht man daran und ist bereits erhebliche Schritte auf dem Weg zur mobilen Nutzung vorangekommen. „Als wir mit der Brennstoffzelle begonnen haben, benötigte sie noch sehr viel Platz im Fahrzeug. Heute können wir sie problemlos in einen Wagen der Mittelklasse einbauen. Man sieht daran aber auch: Innovation braucht seine Zeit.“

Ein wesentlicher Schlüssel für überzeugende Lösungen ist aber auch das Fahrzeugkonzept. Für Rita Forst sind Antriebe und Fahrzeugkonzepte zwei Seiten einer Medaille. „Wenn wir uns in das Zeitalter der Elektromobilität begeben, müssen wir auch verstehen, dass uns die Anforderungen beim Fahrzeuggewicht und beim Packaging, um die benötigte Batterie unterzubringen, ein Stück von konventionellen Fahrzeugkonzepten wegbringt. Wir brauchen leichtere Fahrzeuge, wir müssen die Batterie sicher unterbringen und wir müssen andere Fahreigenschaften bewältigen. Das Thema Batteriefahrzeuge ist also nicht nur ein Antriebsthema, sondern eben auch ein Fahrzeug-konzeptionelles Thema.“ In diesen Konzepten will Opel drei Faktoren zusammenbringen: Umweltfreundliche Antriebsenergie, Spaß am Fahren und Bezahlbarkeit. Das ist die eigentliche Herausforderung an die Innovationsfähigkeit.

Forst ist von der Innovationskraft und Innovationsschnelligkeit Opels überzeugt und verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Opel der erste Hersteller sein wird, der 2011 mit einem Serienfahrzeug auf den Markt kommt – im Gegensatz zu den Wettbewerbern. „Wie gesagt werden wir nicht nur den Ampera bringen. Wir arbeiten auch an einem vollständig batteriebetriebenen kleinen Stadtauto und hoffen, ein Serienprojekt auf dem Gebiet der Brennstoffzelle realisieren zu können. Wir wollen also recht kurzfristig mit allen genannten Fahrzeugtypen auf den Markt kommen. Der Ampera markiert nur den Anfang.“


Hier stellt sich natürlich die Frage, ob ein so breiter Ansatz von drei unterschiedlichen Konzepten tatsächlich durchgehalten werden kann – angesichts des damit benötigten enormen Ressourceneinsatzes. Forst sieht dies allerdings als ein allgemeines Bran¬chenproblem, da alle Hersteller gezwungen sind, sich breit aufzustellen. „Es wird kein Königsweg geben, weil es kein Konzept gibt, dass auf alle Kundenprofile passt und weil die Zeithorizonte bezüglich der Realisierung der verschiedenen Technologien unterschiedlich sind.“ Insofern stellt sich weniger die Frage nach der Konzentration auf ein Konzept sondern eher die Frage nach der Konzentration auf bestimmte Kernkompetenzen bei gleichzeitiger Kooperation mit anderen. „Meine klare Botschaft an dieser Stelle ist: Ja, es geht nur mit Allianzen. Man muss jetzt beginnen, weil wir alle wissen, dass die Einführung neuer Technologien bevorsteht. Und wir sollten uns – auch im Interesse der Kunden – in Forschung und Entwicklung, wenn es um vorwettbewerbliche Themen geht, zusammentun. Damit ließe sich eine Marktführung der neuen Technologien deutlich beschleunigen.“ Forst weiß, dass es hier unterschiedliche Auffassungen gibt. Einige Hersteller sind davon überzeugt, dass die Einzelkomponenten wettbewerbsrelevant sind. Forst dagegen ist davon überzeugt, dass nicht die Einzelkomponenten, sondern deren Integration und das gesamte Fahrzeugkonzept den Unterschied ausmachen und dass man daher zur Ressourcenschonung bei der Entwicklung von Einzelkomponenten, wie beispielsweise der Batterie, zusammenarbeiten sollte.

Opel sieht sich für eine solche Kooperation mit seinem Entwicklungszentrum gut gerüstet. Insbesondere die Arbeit an der Brennstoffzellenforschung und an den dafür erforderlichen Tanksystemen für die Speicherung von Wasserstoff ist weit fortgeschritten. Auch bei der Batterie ist man gemeinsam mit industriellen Partnern gut vorangekommen. Opel hätte also einiges einzubringen.

Aber auch ohne Kooperation ist Opel gut unterwegs. „Wir haben hier in Rüsselsheim alle Hände voll zu tun, die ganzen Entwicklungen unseres Konzerns adäquat zu unterstützen. Wir brauchen dringend weitere Mitarbeiter. Wie wollen in diesem Jahr noch 250 Ingenieure einstellen. Und dabei brauchen wir im Hinblick auf die neuen Themen auch andere Profile. Man kann nicht Ingenieure, die bisher herkömmliche Motoren entwickelt haben, plötzlich Elektromotore entwickeln lassen.“ Insgesamt arbeiten im Entwicklungszentrum in Rüsselsheim an den verschiedenen deutschen und internationalen Projekten, sowie an den Vorausentwicklungsthemen 6.500 Mitarbeiter. Sie werden unterstützt durch die Entwicklungsleistungen, die bei den Zulieferern erledigt werden. In diesem starken Netzwerk sieht Forst einen wesentlichen Standortvorteil der deutschen Automobilindustrie im internationalen Wettbewerb.

Bundeskanzlerin Merkel will 2020 ein Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen sehen. Ein schönes Ziel, wie Forst meint. Von alleine wird sich die Elektromobilität allerdings nicht durchsetzen, ist sie überzeugt. Die Fahrzeuge werden konzeptbedingt teuerer sein als die herkömmlichen Autos mit Verbrennungsmotoren. Dafür müssen Anreize geschaffen werden. Das können Privilegien sein wie bevorzugter Parkraum am besten mit Ladestation in der Innenstadt oder auch finanzielle Hilfen bei der Anschaffung. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf den Nachbar Frankreich, der 5.000 Euro Zuschuss beim Kauf eines Elektroautos geben will. Dänemark diskutiert befristet die Kaufsteuer entfallen zu lassen.
„Wir brauchen auch in Deutschland einen Anschub für die Elektromobilität, wenn wir unsere führende Position im Automobilbau behalten wollen“, ist Forst überzeugt. „Man muss schließlich auch hier das Ganze sehen.“


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