Raus aus dem Schatten, aber noch nicht auf der Sonnenseite
Herbstumfrage: Metall- und Elektro-Industrie in Nordhessen holt stark auf
08.12.2010
Kassel. „Unsere Unternehmen kämpfen sich seit Monaten erfolgreich aus ihrer schwersten Krise der Nachkriegszeit. Diese äußerst positive Entwicklung verlief bisher schneller als erhofft. Dennoch ist eine wirklich kräftige Erholung damit noch nicht verbunden. Die Unternehmen befinden sich mitten in einem Aufholprozess, den wir nicht mit einem nachhaltigen Aufschwung
verwechseln dürfen. Die Krise haben wir von allen Staaten in der EU am
besten gemeistert. Wir dürfen aber die Risiken des Weltmarkts nicht
außer Acht lassen, von dem wir als exportorientiertes Land im
Wesentlichen abhängig sind. Wir sind zwar raus aus dem Schatten, aber
noch nicht auf der Sonnenseite
angelangt“, kommentiert Dr. Jörg
Wolfram Kremer, 1. stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Metall- und Elektro-Unternehmen in Nordhessen und Geschäftsführer der Henschel Antriebstechnik GmbH, das Ergebnis der aktuellen Herbstumfrage, an der sich 67 von 135 Mitgliedsunternehmen mit einer Beschäftigtenzahl von knapp 22.000 beteiligt haben. Dies ist nahezu die Hälfte der Mitglieder des Verbandes in Nordhessen und 74 Prozent der Gesamtbeschäftigten. Die jährliche Herbstumfrage ist für den Verband das Konjunkturbarometer der gesamten Branche.
Allgemeine Geschäftslage: rasante Entwicklung seit dem Frühjahr
Die momentane Geschäftslage wird von 53 Prozent der Unternehmen als „gut“ bis „sehr gut“ bewertet. Addiert man „befriedigend“, sind es zusammen 91 Prozent, die die allgemeine Geschäftslage positiv bewerten. Im Vergleich zum Frühjahr 2010 ist die Situation sogar „besser“ bis „erheblich besser“, sagen 65 Prozent der Unternehmen.
Auch die Erwartungen für das kommende Halbjahr können sich sehen lassen: 34 Prozent rechnen mit einer „besseren“ bis „erheblich besseren“ Geschäftslage, 61 Prozent erwarten eine Situation, die „vergleichbar“ ist.
Erwartungshaltung bei Auftragsentwicklung hoch
Für 83 Prozent der Unternehmen sind die Auftragsbestände „ausreichend“ (63 Prozent) bis „verhältnismäßig groß“ (20 Prozent). 43 Prozent erwarten im kommenden Halbjahr sogar eine „verbesserte“ Auftragslage. Nur neun Prozent gehen von „eher abnehmenden“ Aufträgen aus. Vor einem Jahr waren dies immerhin noch 23 Prozent.
Volle Auftragsbücher bedeuten steigende Umsätze; die Erwartungen auf ein entsprechend ansteigendes Ertragsniveau sind jedoch gedämpft.
Investitionsbereitschaft wieder gestiegen
Nachdem sich die Unternehmen im letzten Jahr bei Investitionen zurückgehalten haben, wird nun wieder investiert. 38 Prozent der Befragten planen eine Steigerung der Investitionen. Dabei liegen die beschäftigungswirksamen Erweiterungen (13 Prozent) an dritter Stelle hinter den Ersatz- (32 Prozent) und Rationalisierungsinvestitionen (31 Prozent). Von nachhaltigem Beschäftigungsaufbau zu sprechen, ist deswegen noch zu früh.
Nordhessischer Exportmotor schaltet zwei Gänge hoch
Die wertmäßigen Exporte seien im Vergleich zum Frühjahr gestiegen, dies sagen 58 Prozent der Befragten. Für 61 Prozent wird das Niveau gehalten werden können; 34 Prozent gehen sogar von einer weiteren Steigerung aus. Diese Angaben bedeuten eine Umkehrung der Verhältnisse, wie sie noch vor einem Jahr waren. Der Exportanteil liegt bei ca. 36 Prozent.
Beschäftigung konnte trotz Krise stabilisiert werden
Noch in der Frühjahrsumfrage gingen die Unternehmen von tendenziell sinkenden Beschäftigungszahlen aus. Diese Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: es kam zu einem leichten Beschäftigungsaufbau, der aber, gemessen an der dynamischen Entwicklung der allgemeinen Geschäftslage und Auftragsbestände, eher verhalten ist und sich im Rahmen der üblichen Schwankungen bewegt.
Klemens Diezemann, Geschäftsführer des Verbandes, sieht in den Ergebnissen der aktuellen Umfrage den Beleg für eine rasante Aufholjagd der nordhessischen Wirtschaft. „Aus der Hoffnung, dass es in 2010 wieder aufwärts gehen möge, ist Realität geworden. Überrascht haben das Tempo und die Dynamik dieser Trendwende. Es ist unseres Erachtens aber noch zu früh, um Entwarnung zu geben. In der Metall- und Elektro-Industrie werden wir erst 2012 das Vorkrisenniveau erreichen, vorausgesetzt, die Entwicklung setzt sich weiterhin so positiv fort, wie es momentan der Fall ist“, so Diezemann.
Dass dies möglich sein konnte, sei ein gemeinsamer Erfolg von Unternehmen, Tarifpartnern und Politik. Im Wesentlichen seien vier Faktoren für diese positive Entwicklung entscheidend gewesen:
1. Die Unternehmen konnten die Stammbelegschaften weitgehend halten.
Die Befürchtung von vor einem Jahr, es gebe einen Stellenabbau in großem Stil, ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zum Glück nicht eingetreten. Vielmehr hat die weitsichtige Politik unserer Unternehmen Früchte getragen. Sie haben die Stammbelegschaften gehalten und gefährdete Arbeitsplätze trotz Auftragsmangels gesichert, um in diesem Jahr mit der bewährten Mannschaft wieder voll durchstarten zu können.
2. Der Tarifpartner hat bei der letzten Tarifrunde auf überflüssige Rituale verzichtet und einen Abschluss ermöglicht, der der gesamtwirtschaftlichen Situation Rechnung trug. Der laufende Entgelttarifvertrag hat geholfen, in großem Umfang Beschäftigung in der Metall- und Elektro-Industrie zu sichern. Zudem erhalten die Arbeitnehmer in diesem Jahr zwei Einmalzahlungen von insgesamt 320 Euro. Damit wird der Anstieg der Lebenshaltungskosten annähernd ausgeglichen. Zum 1. April 2011 sieht der Vertrag eine Tabellenerhöhung um 2,7 Prozent vor. Diese kann je nach der wirtschaftlichen Lage des Betriebs um bis zu zwei Monate nach hinten verschoben oder um bis zu zwei Monate vorgezogen werden. Einige Betriebe haben bereits angekündigt, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Einen Automatismus oder Zwang hierzu gibt es indessen nicht.
3. Der erleichterte Zugang zur Kurzarbeit hat in der Krise eine wichtige Rolle zu deren Bewältigung gespielt. Kurzarbeit war für viele Unternehmen ein Rettungsring. Die Möglichkeit der Betriebe, über flexible Arbeitszeiten die Unterauslastung ihrer Mitarbeiter auszugleichen, wurde intensiv ausgeschöpft. Mittlerweile konnte die Kurzarbeit massiv zurückgefahren werden.
4. Der Einsatz von Zeitarbeit hat im gegenwärtigen Aufholprozess eine erhebliche Bedeutung. Sie gibt den Unternehmen in Krisenzeiten und in einer globalisierten Welt die dringend notwendige Flexibilität. So haben die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie im letzten Aufschwung zwischen 2006 und 2008 rund 60.000 zusätzliche Zeitarbeitnehmer beschäftigt, gleichzeitig aber rund 240.000 neue Stammarbeitsplätze geschaffen. Von einer systematischen Verdrängung der Stammbelegschaften kann also keine Rede sein. Zeitarbeit bildet die Brücke in die Arbeitswelt.
Wir alle sollten aus der Krise gelernt haben und weiterhin auf eine flexible, differenzierte und effektive Tarifpartnerschaft setzen.“
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