SZ:
Malen Sie nicht ein bisschen zu schwarz, Herr Huber?
Huber:
Nein überhaupt nicht, solange Taktzeiten von 50 bis 70 Sekunden an Fließbändern und Maschinen zur Realität unserer Hochleistungswirtschaft gehören. Bei so einer Arbeit sind die Menschen nach 40 Jahren Maloche kaputt. Gesund in den Ruhestand zu gelangen, ist immer noch ein Privileg. Ein Drittel der Beschäftigten in der Industrie scheidet aus medizinischen Gründen vorzeitig aus. Der Druck und die Belastungen werden vielen Leuten irgendwann zu groß. Die sagen, ich schaffe das nicht mehr.
Kannegiesser:
Wir können nicht einfach sagen, mit 65 sind alle kaputt. Das ist nicht so. Diese Berufsgruppen, die Herr Huber hier geschildert hat, das sind vielleicht fünf bis zehn Prozent der Erwerbstätigen in der Metall- und Elektroindustrie. Und ich hoffe, dass wir in 20 Jahren noch Bandarbeitsplätze in Deutschland haben. Sicher ist für diese Arbeitnehmer aus heutiger Sicht manches unvorstellbar, aber in zwölf, 15 Jahren sieht die Welt anders aus. Die Berufsbilder ändern sich. Wir haben eine andere Lebenserwartung. Die Arbeitnehmer bleiben länger gesund. Da muss ich mir nur die alten Fotos von meinen Eltern anschauen! Heute sehen Menschen mit 60 vielfach wie 50 aus.
SZ:
Fakt ist, dass heute noch fast jeder zweite Altersrentner mit Abschlägen in den Ruhestand geht, weil er die Altersgrenze nicht erreicht hat. Brauchen wir bei der Rente mit 67 flexiblere Lösungen?
Huber:
Ja, unbedingt. Warum soll jemand, der mit 15, 16 zu arbeiten begonnen hat, ebenso bis 67 arbeiten müssen wie jemand, der erst mit Ende 20 ins Erwerbsleben eingetreten ist? Wir brauchen einen abschlagsfreien Rentenzugang für Arbeitnehmer, die langjährig versichert waren und gearbeitet haben.
Kannegiesser:
Ich glaube auch, dass wir flexiblere Übergänge in die Rente mit 67 brauchen. Unser Tarifvertrag ist ein Anfang. Es muss Möglichkeiten geben, vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter auszusteigen - oder auch länger zu arbeiten. Die Frage ist, wie sich ein früherer Ausstieg finanzieren lässt.
SZ:
Herr Kannegiesser, wie viel Prozent der Arbeitnehmer in ihrem Unternehmen sind älter als 55 Jahre?
Kannegiesser (überlegt):
So zehn bis 15 Prozent, der Anteil ist, wie in vielen Unternehmen unserer Industrie, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die Betriebe haben erkannt, dass sie die Erfahrung der Älteren brauchen. Auch deren Bereitschaft, sich weiterbilden zu lassen, ist gewachsen. Es gibt nicht mehr diesen Technologiebruch zwischen Jung und Alt, den wir früher noch hatten.
SZ:
Ist der Jugendwahn vorbei?
Kannegiesser:
Das war vor zehn, 15 Jahren ein Thema. Damals galt die Parole 'Jung für Alt'. Das war auch die Devise der Gewerkschaften, und wir haben das mitgemacht, um zu verhindern, dass junge Leute nach Ende ihrer Ausbildung vor verschlossenen Türen stehen. Jetzt bekommen wir in den nächsten Jahren das umgekehrte Problem. Wir haben zu wenig Schulabgänger und deshalb zu wenig Nachwuchs für die Betriebe. Jedes Unternehmen muss deshalb versuchen, sich attraktiv zu halten.
Huber:
Das ist richtig, aber wir können es uns nicht leisten, in den Betrieben nur noch sozusagen olympiareife Mannschaften zusammenzustellen. Wir haben jedes Jahr mehr als 60000 Jugendliche, die ohne Schulabschluss auf den Arbeitsmarkt kommen. Die dürfen wir nicht abseits stehen lassen und dem Hartz-IV-System überlassen. Ich halte es für unanständig, wenn Arbeitgeber über fehlende Fachkräfte klagen und gleichzeitig nicht genug für die Ausbildung tun.
SZ:
Müssten die Betriebe nicht auch mehr tun, damit die Älteren länger bleiben können?
Kannegiesser:
Wir müssen und können bei der Arbeitsgestaltung noch altersgerechter werden, ohne dass wir das Paradies auf Erden bieten können. Das darf aber nicht nur die Bringschuld der Betriebe sein. Es muss schon auch bei den Arbeitnehmern die Bereitschaft da sein, sich körperlich und geistig fit zu halten.
Huber:
Wir brauchen natürlich mehr Wahlmöglichkeiten für die älteren Arbeitnehmer und altersgerechte Arbeitsplätze. Dazu können mehr Erholpausen oder der Ausstieg aus belastender Wechselschicht gehören. Nötig sind aber auch gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen während des gesamten Erwerbslebens. Und selbstverständlich brauchen wir auch Fitnessprogramme zum Ausgleich der Belastungen.
SZ:
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sagt, ein Dachdecker, der es nicht mehr schaffe, aufs Dach zu steigen, könne mit über 60 im Büro oder Verkauf arbeiten. Geht das so einfach?
Huber:
So eine Aussage ist schlicht und ergreifend weltfremd. Die Betriebe haben viel ausgelagert, ob in der Logistik, im Lager oder bei der Werkzeugausgabe. Diese Arbeitsplätze, die Frau von der Leyen meint, gibt es in einer derart produktivitätsorientierten Branche wie der Metall- und Elektroindustrie im Großen und Ganzen nicht mehr.
Kannegiesser:
Was der Arbeitsministerin vorschwebt, lässt sich nicht zur Regel machen. Früher hat man gesagt, 'werde Pförtner oder gehe ins Lager' (lacht), das geht heute nicht mehr so ohne weiteres.
SZ:
Wenn es nicht gelingt, die Rente mit 67 flexibler und die Arbeitsplätze altersgerechter zu gestalten, dürfte die Zahl derjenigen, die mit Abschlägen vorzeitig in Ruhestand gehen, eher steigen. Ist das ein Grund, mehr zusätzlich über eine betriebliche Altersvorsorge für ein finanziell sorgenfreieres Alter zu tun?
Kannegiesser:
Es gibt sicherlich viele Menschen, die würden gerne früher aufhören, können es sich jedoch nicht leisten. Deshalb darf man aber die Solidargemeinschaft der Beitragszahler nicht überfordern. Denen kann man ja nicht zumuten, jeden zu finanzieren, der vorzeitig aufhören will. Wenn ich weniger arbeite, muss ich Einbußen in Kauf nehmen. Auch deshalb werben wir für die ergänzende Vorsorge, wie unser Versorgungswerk 'Metallrente', um eben die Lücken nicht zu groß werden zu lassen.
Huber:
Der Gedanke, zusätzliche Altersvorsorge zu betreiben, muss zum festen Bestandteil der Unternehmenskultur werden. Im überwiegenden Teil der größeren Betriebe mit 1000 Beschäftigten aufwärts ist dies längst so. Doch je kleiner die Unternehmen werden, desto mehr fehlt es an betrieblicher Altersvorsorge, weil es in solchen Betrieben keine Spezialisten dafür gibt.
Kannegiesser:
Es gibt auch das Problem, dass die niedrigeren Einkommensgruppen weniger vorsorgen als diejenigen, die mehr verdienen. Das muss besser werden. Wir haben jetzt nach zehn Jahren bei der Metallrente 400000 Verträge und sind damit das größte Versorgungswerk in Europa. Das ist ein großer Erfolg. Aber bei 3,6 Millionen Beschäftigten ist diese Zahl noch steigerungsfähig, auch wenn es in der Metallbranche noch andere Vorsorgesysteme gibt.
SZ:
Herr Kannegiesser, Sie sind gerade 70 geworden. Wann hören Sie auf?
Kannegiesser:
Ich sehe keine Veranlassung, in naher Zukunft mit dem Arbeiten aufzuhören. Ich werde auf jeden Fall noch versuchen, mein Haus vernünftig zu bestellen. Allerdings kann, aber muss ich nicht aufs Dach.
SZ:
Und was machen Sie Herr Huber, wenn Sie in ein paar Jahren nicht mehr IG-Metall-Chef sind?
Huber:
Ich werde mich um meine Familie kümmern. Das ist mal das Erste. Aber ich werde nicht den ganzen Tag spazieren gehen - auf keinen Fall.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung / Interview: Thomas Öchsner)