Wir sind aber eine Technologiebranche, wir stellen Investitionsgüter her, da geht es um Querschnittsdisziplinen in Technik und Betriebswirtschaft, bis hin zu Service, Marketing und Finanzierung. Sehr spannend. Die Frauen, die zu uns finden, sind eigentlich immer engagiert.
SZ: Wie hoch ist denn die Frauenquote bei Kannegiesser?
Kannegiesser: 15 Prozent. Es dauert eben.
SZ: Jeder fünfte Schulabgänger findet nach wie vor keine Ausbildung. Sind die Anforderungen der Unternehmen generell zu hoch?
Kannegiesser: In einer Technologiebranche wäre niemandem gedient, wenn wir das Anforderungsniveau senken würden. Wenn wir nicht nur im Automobilbau, sondern beispielsweise auch im Maschinenbau in 19 von 31 Sparten Weltmarktführer sind, ist das ja keine Glückssache. Der Grund dafür ist, dass wir so hohen Wert auf Qualifikation legen. Diejenigen, die keine Lehrstelle finden, waren leider oft schon in der Schule schlecht, und bei der Bewerbung tritt zutage, was dies bedeutet. Wir müssen sehen, wie wir die doch noch individuell ertüchtigen können. Vielleicht bringen wir dann doch noch zumindest die Hälfte von ihnen in eine Lehre.
SZ: In Deutschland wird zurzeit viel darüber geredet, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Die Bundeskanzlerin vermutet, den Unternehmen gehe es nur um billige Arbeitskräfte, die dann hier das Lohnniveau senken.
Kannegiesser: Ein solcher Vorwurf ist absurd. Was die M+E-Industrie betrifft, ist er sogar eine Zumutung. Die Qualität unserer Produkte findet ihre Entsprechung darin, dass unsere Facharbeiter die höchstbezahlten auf der Welt sind. Wir haben selbst in der Krise versucht, unsere Stammbelegschaften zu halten, wir haben die Löhne sogar um das Maß der Inflationsrate erhöht. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie die Kanzlerin auf so etwas kommt.
SZ: Die IG Metall ist Ihnen gegenüber auch skeptisch und untermauert das mit Statistiken: Jeder vierte Beschäftigte unter 35 Jahren in Ihrer Branche habe immer nur einen befristeten Vertrag gehabt.
Kannegiesser: Das ist eine dieser Halbwahrheiten. Richtig ist, dass weit unter vier Prozent unserer 3,5 Millionen Beschäftigten einen befristeten Vertrag haben. Es stimmt, dass in den vergangenen beiden Jahren knapp die Hälfte Neueinstellungen befristet waren. Der Grund dafür war, dass die Unternehmen einerseits Mitarbeiter einstellen wollten, andererseits über die weitere Entwicklung unsicher waren und so dem Problem des Kündigungsschutzes ausweichen wollten. Aber in 90 Prozent der Fälle wurden sie in einen unbefristeten Vertrag umgewandelt. Die Dramatisierung seitens der IG Metall ist daher nicht angemessen.
SZ: Die Gewerkschaft wirft Ihnen auch vor, mit Leiharbeitern nur die Lohnkosten drücken zu wollen. Beleg: Nur sieben Prozent aller Leiharbeiter unter 35 seien jemals als Stammarbeiter übernommen worden.
Kannegiesser: Auch eine Halbwahrheit. Das sehen Sie schon daran, dass Sie derzeit kaum Fachkräfte auf der Basis von Zeitarbeit bekommen. Die sind alle schon als Stammarbeiter eingestellt worden. Im Schnitt bleiben Zeitarbeiter – ich bevorzuge diesen Begriff - sechs Monate in einem Unternehmen. Das zeigt doch, warum sie auf dieses Instrument zurückgreifen: um beim Personalbestand flexibel zu sein, je nach Auslastung. Die Auf- und Ab-Phasen wechseln heute viel schneller als früher. Diese Beschäftigungsform ist nicht gedacht, um in einem Betrieb eine Billiglohnlinie aufzubauen. Ich hoffe, dass wir in nächster Zeit zu Regelungen kommen, aus denen das deutlich wird.
SZ: Was meinen Sie damit?
Kannegiesser: Der Gesetzgeber will ja durchsetzen, dass Zeitarbeiter denselben Lohn wie Stammarbeiter bekommen und hat den Tarifparteien Zeit bis zum Jahresende gegeben, dies in einem Tarifvertrag zu regeln. Jetzt sind die Zeitarbeits-Unternehmen und ihre Verbände gefragt.
SZ: Man könnte es ja so machen wie in der Stahlindustrie. Dort hat die IG Metall durchgesetzt, dass gegebenenfalls der entleihende Stahlbetrieb dem Leiharbeiter die Differenz zum Gehalt des Stammarbeiters bezahlt.
Kannegiesser: Das wäre für unsere Industrie ein falscher Ansatz. Die Bezahlung der Zeitarbeiter sollte ein wenig unter der der Stammarbeiter liegen. Das kollektive Wissen des Stammpersonals muss doch honoriert bleiben. Außerdem ist die Stahlindustrie klein, besteht aus nur wenigen Firmen und beschäftigt auch lediglich eine geringe Zahl von Zeitarbeitern. Die Arbeitgeber von Zeitarbeitern sind die Zeitarbeitsfirmen – alleine diese sind für die Entlohnung ihrer Beschäftigten zuständig. Aus Gründen der Mitgliederwerbung möchte die Gewerkschaft dies zwar umbiegen, würde damit jedoch am Ende den Betroffenen und den Stammbelegschaften eher schaden.
SZ: In der Metallindustrie hingegen gibt es Firmen, da ist in der Fertigung jeder dritte Beschäftigte ein Leiharbeiter.
Kannegiesser: Und die Mehrheit hat überhaupt keine Zeitarbeiter. Aber zum Beispiel Werften und Montagebetriebe haben seit jeher mit starken Schwankungen zu kämpfen. Dort ist Zeitarbeit seit langem gang und gäbe. Und für die Existenz der Betriebe auch unerlässlich.
SZ: Also ist sie doch eine zweite Lohnlinie.
Kannegiesser: Nein, sondern eine Ergänzung der Stammbelegschaft, um sehr flexibel reagieren zu können, was in Zukunft zur Bewältigung des immer schnelleren Auf und Abs der Weltwirtschaft lebensnotwendig wird.
SZ: Wird Ihre Branche durch die nächste Krise genauso glimpflich kommen wie durch die jüngste?
Kannegiesser: Das hängt davon ab, was für eine Krise es sein wird. Beim vergangenen Mal bestand gerade in der Autoindustrie anfangs die Meinung, die weltweiten Kapazitäten seien zu hoch. Dort wurde eine Strukturkrise befürchtet. Andere sagten, es gebe lediglich einen vorübergehenden Ausfall der Nachfrage, weil die Kunden keine Finanzierung mehr zuwege brachten. Diese Meinung hat sich durchgesetzt, und deswegen wollten wir unsere Belegschaften um nahezu jeden Preis zusammenhalten. Wir dürfen unser kollektives Wissen nicht verlieren! Was mir große Sorgen macht, ist die Staatsverschuldung. Beim vergangenen Mal konnte der Staat noch mit Liquidität dazwischen gehen. Die Frage ist, ob er beim nächsten Mal überhaupt noch Pulver haben wird.
SZ: Also können Sie eigentlich nicht für Steuersenkungen sein, wie Schwarzgelb sie nun plant.
Kannegiesser: So was ist prinzipiell immer schön und gut. Aber das muss man sich leisten können. Bund, Länder und Gemeinden sind weit davon entfernt, konsolidiert zu sein. Und keiner weiß, welchen Risiken die öffentlichen Haushalte noch durch Europa ausgesetzt sein werden. Als Unternehmer kann ich mich doch auch nicht bis aufs Hemd ausziehen, finanziell gesehen, frei nach dem Motto: Wenn die Risiken eintreten, müssen wir weitersehen. Ich muss doch immer Reserven haben und nicht nur Schulden.
SZ: Finden Sie denn die Forderung von FDP-Chef Rösler gut, die Sozialabgaben zu senken?
Kannegiesser: Ich bin dagegen, sie heute zu senken und morgen wieder zu erhöhen. Wir brauchen Verlässlichkeit und Stabilität, keine jeweils konjunkturbedingten Wanderdünen.
SZ: Sie sind Unternehmer, aber auch Ihnen glaubt der FDP-Chef offenbar nicht.
Kannegiesser: Ach je. Wer nur aus dem Moment heraus handelt, dessen Vorgehen wird immer nur kurzatmig sein.
SZ: Wann kommt die nächste Krise?
Kannegiesser: Das weiß kein Mensch. Aber die Unternehmen werden sich auf einen immer schnelleren Wechsel zwischen sehr guten und eher schlechten Phasen einstellen müssen. Und die Ausschläge nach oben und unten werden stärker. Niemand ist vor Einbrüchen gefeit. Nehmen Sie Nokia. Tolles Produkt, und auf einmal ändert sich durch Apple die Technologie. Der typische Fall einer Strukturkrise. Gestern noch auf hohen Rössern, heute durch die Brust geschossen.
SZ: Warum werden die Zyklen kürzer?
Kannegiesser: Technologien wandeln sich immer schneller. Prioritäten ändern sich. Die Schonung von Ressourcen hat zum Beispiel in meiner kleinen Branche vor zehn Jahren nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Damals störte es niemanden, wenn man 20 oder 25 Liter Wasser zum Waschen von einem Kilogramm Wäsche brauchte. Heute liegen wir bei vier Litern.
SZ: Sind chinesische Firmen faire Konkurrenten?
Kannegiesser: Innerhalb von China gibt es sehr scharfen Wettbewerb. Aber in dem Moment, da der Staat bestimmte strategische Ziele ausruft, wird bedenkenlos in Marktmechanismen eingegriffen. Plötzlich fördert der Staat mit viel Geld ein Unternehmen. Da nimmt er sich einen europäischen Marktführer zum Maßstab, haut viel Geld rein und gibt vor: In einem Jahr haben wir dessen Produkt auch. Und dann wird es zum halben Preis auf dem Weltmarkt angeboten. Kämpfen Sie mal gegen so jemanden. Wir haben es hier mit einem Wettbewerber zu tun, der lernen muss, die Spielregeln der Marktwirtschaft und der Weltwirtschaft zu akzeptieren.
SZ: Der denkt gar nicht dran.
Kannegiesser: So sieht’s aus. Ein solcher Marktteilnehmer kann für uns auf Dauer problematisch werden, wobei der Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft eine enorme Bereicherung für uns alle darstellen kann und eine der wichtigsten Wachstumslokomotiven ist. Allerdings sollten wir uns nicht zu abhängig machen, und für mein Unternehmen heißt dies beispielsweise: Europa nötigenfalls zur Festung ausbauen.
SZ: Was heißt denn das?
Kannegiesser: Die Europäische Union mit ihren 500 Millionen Menschen ist unser Heimatmarkt. Das ist die Basis, da müssen wir stark bleiben. Wir müssen immer innovativ sein, wir müssen die Automation und Produktivität ständig ausbauen. Wir sind weltoffen und erwarten dies auch von Dritten.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung / Interview: Detlef Esslinger)