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Kannegiesser: IGM zeichnet verzerrtes Bild der Zeitarbeit

Ohne starke, solide und zukunftsfähige Betriebe gäbe es keine Existenzgrundlage mehr, am wenigsten für Verbände und Gewerkschaften, schreibt Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser in einem Kommentar für das „Handelsblatt“:

30.03.2011
Martin Kannegieser Gesamtmetall Die Metall- und Elektro-Industrie hat eine Berg- und vor allem Talfahrt von historischen Dimensionen hinter sich. Innerhalb weniger Wochen, teilweise Tagen, sind wir 2008 in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß abgestürzt, mit Einbrüchen von 30, 40 und mehr Prozent. Wie haben unsere Unternehmen reagiert, als es für 800.000 Mitarbeiter nichts mehr zu tun gab? Sie haben entgegen der streng betriebswirtschaftlichen Logik an diesen Mitarbeitern festgehalten, wo immer es irgend ging, weil sie die Mitarbeiter und deren ungeheures kollektives Wissen, ihre Erfahrung und ihre Leistungsbereitschaft brauchen. Und was sagt die IG Metall? Sie sagt, für uns sei Arbeit eine Ramschware.
Gerade weil für unsere Unternehmen das gesammelte Know-How von entscheidender Bedeutung ist, setzen wir auf unsere Stammbelegschaften. Bis zum Kriseneinbruch hatten wir 240.000 zusätzliche Stammarbeitsplätze geschaffen, und nur 60.000 zusätzliche Zeitarbeitnehmer eingesetzt. Der Anteil der Zeitarbeit im Verhältnis zur Stammbelegschaft lag bei knapp über sechs Prozent. Heute ist unsere Branche immer noch nicht wieder auf Vorkrisenniveau – und trotzdem geht es mit den Arbeitsplätzen wieder bergauf. 50.000 Stammarbeitsplätze sind seit April 2010 wieder entstanden, weitere 50.000 könnten bis Jahresende hinzukommen. Und die Zeitarbeit? 40.000 sind hinzugekommen, der Anteil liegt mit unter 5 Prozent weit unter dem Niveau von vor der Krise. 60 Prozent aller M+E-Unternehmen setzen, nebenbei gesagt, überhaupt keine Zeitarbeit ein. Die Stammbelegschaften wachsen also nicht nur, sie wachsen auch stärker als die Zeitarbeit. Und was sagt die IG Metall? Sie sagt, Zeitarbeit verdränge Stammbelegschaften.
Auch wenn gerade in unserer Branche der Anteil der Zeitarbeit eine weit geringere Rolle spielt, als die Mitgliederwerbekampagne der IG Metall suggeriert: Die Bedeutung der für den Arbeitsmarkt ist groß. Zeitarbeit hat vielen Menschen einen vollwertigen Arbeitsplatz verschafft, die unsere Gesellschaft früher in perspektivlose Dauerarbeitslosigkeit geschoben hat. Langzeitarbeitslose, an- und ungelernte Arbeitnehmer haben wieder Arbeit; natürlich üben sie in der Mehrheit einfache Tätigkeiten aus. Und ebenso natürlich wird eine Hilfskraft anders bezahlt als ein Facharbeiter. Der Deutsche Gewerkschaftsbund vergleicht aber kurzerhand – damit es schöner aussieht - die Einkommen von Facharbeitern, Ingenieuren und Führungskräften mit denen der Zeitarbeitnehmer, die in Unternehmen vor allem einfache Tätigkeiten durchführen.

Es gibt kein anderes Instrument als Zeitarbeit, das einen so schnellen Ausgleich zwischen Betrieben mit Über- und Unterkapazitäten schaffen kann. Dies dient der lebensnotwendigen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Diese werden künftig immer bedeutungsvoller und sind damit wichtigster Schutz für die Beschäftigungssicherung gerade der Stammbelegschaften. Die meisten Praktiker wissen dies. Zeitarbeit ist nicht als eine zweite Lohnlinie in den Unternehmen gedacht. Wer strukturell bei seinen Produkten und Absatzmärkten mit den Arbeitskosten nicht zurecht kommt, der benötigt andere systematische Instrumente. Auch davor verschließen die Tarifparteien nicht die Augen und sind immer dazu bereit, mit den Betrieben und den Belegschaften nach Lösungen zu suchen.

Selbstverständlich ist es legitim, dass Gewerkschaften mit den zuständigen Arbeitgeberverbänden der Zeitarbeit nach differenzierten Lösungsmöglichkeiten suchen, damit Betriebe und Belegschaften sich in befriedeten Rahmenbedingungen bewegen können. Solche Lösungsmöglichkeiten müssen Unterschiede im Qualifikations- und Leistungsniveau ebenso berücksichtigen wie die beschäftigungspolitischen Perspektiven von Zeitarbeit.
Das von unserer Gewerkschaft gezeichnete Bild beim Thema Befristungen ist ebenso verzerrt wie bei der Zeitarbeit. Wie Zeitarbeit sind auch befristete Verträge ein wichtiges Instrument. Sie spielen vor allem eine Rolle, wenn es um zeitlich begrenzte konkrete Projekte geht oder wenn die mittelfristigen Perspektiven unklar sind. Trotzdem sind sie in unserer Industrie die Ausnahme: Ihr Anteil betrug im Juni 2008 nur 4,9%. In der Krise ist er auf 3,3% gesunken. Und 2010 ist er sogar noch weiter gesunken – auf 3,2%. Richtig ist: In der Vergangenheit erfolgte die Hälfte der Neueinstellungen zunächst befristet. Allerdings haben selbst im Krisenjahr 2009 rund 85% aller Metallunternehmen später in unbefristete Verträge umgewandelt. Das ist die Regel!

Berthold Huber bringt einen „Kontrakt für Fairness“ ins Gespräch. Ich wäre dafür oder für Ähnliches durchaus zu haben und verstehe unsere Tarifverträge auch in diesem Sinne. Allerdings ist es dann unverständlich und sogar verletzend für unsere Betriebe und Belegschaften mit ihren weltweiten Spitzeneinkommen und deutlichen Einkommenszuwächsen selbst in die Krise hinein, mit Beschäftigungssicherung zu Lasten von Gewinnen, Reserven und Kosten, mit wachsender und fast ausschließlich Vollzeitbeschäftigter, unbefristeter Stammbelegschaft von unserer Arbeit als „Ramschware“ zu sprechen.
Schon vor der Krise waren wir in einem erheblichen Strukturwandel und dieser wird sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen und dies vor dem Hintergrund überall zunehmender Risiken. Gerade in solchen Zeiten sind Gemeinsamkeit und Fairness im Umgang miteinander gefragt – besonders aber auch Solidarität mit unseren Betrieben. Wir erwarten dies von Aktionären ebenso wie von Mitarbeitern. Denn ohne starke, solide und zukunftsfähige Betriebe gäbe es ohnehin keine Existenzgrundlage mehr, am wenigsten übrigens für Verbände und Gewerkschaften. (Quelle: Handelsblatt-Gastbeitrag)


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