Der größte hessische Wirtschaftszweig präsentiert sich zum Jahresende in bester Verfassung. 63 Prozent beurteilen die Geschäftslage als gut bis sehr gut, 29 Prozent als befriedigend und nur 8 Prozent als schlecht. Die Produktion läuft wieder auf Vorkrisenniveau. Die Produktivität nimmt wieder deutlich zu. Die Umsätze sind um 15 Prozent auf 60 Mrd. € gestiegen. Besonders erfreulich ist das Tempo beim Aufbau von Beschäftigung: Sie stieg im Vorjahresvergleich um 3,2 Prozent auf 210.000 Beschäftigte an und erreicht fast schon wieder das Vorkrisenniveau. Die Gewinne stellen sich differenziert dar: Ein Drittel der Unternehmen weist eine Umsatzrendite von über 4 Prozent aus, ein Neuntel hingegen macht Verluste.
Der Frühindikator Auftragseingänge hat sich auf hohem Niveau abgeflacht. Die Auslandsbestellungen tendieren gegen Null, die Inlandsnachfrage liegt noch stabil bei knapp 10 Prozent. „Das signalisiert Abschwächung. Wir haben die heiße Boomphase verlassen, kommen in kälteres Klima. Wir sollten aber keine Rezession herbeireden“, so Fasbender.
Die Stimmung ist dementsprechend deutlich verhaltener: Zwei Drittel der beteiligten Unternehmen gehen von gleichbleibender Tendenz aus, 13 Prozent erwarten Verbesserung, aber 20 Prozent rechnen mit Verschlechterung. Im Vorjahr waren es nur 4 Prozent gewesen. Während die Auftragsbestände noch bei dreieinhalb Monaten liegen, rechnen immerhin 26 Prozent der Unternehmen mit abnehmenden Aufträgen. Auch die Umsatzprognosen werden – auf dem sehr hohen Niveau 2011 – für 2012 verhaltener: 57 Prozent rechnen mit gleichblei¬bender Tendenz, je über 20 Prozent mit Verbesserung oder Verschlechterung. Bei den Erträgen überwiegt die Skepsis. Bei den Investitionen hingegen der Optimismus: immerhin 27 Prozent erwarten weitere Erhöhung, besonders in die Mitarbeiterqualifikation auf einen Anteil von 18 Prozent und die beschäftigungs¬wirksamen Erweiterungsinvestitionen auf 15 Prozent. Die Beschäftigung wird weiter zunehmen: um knapp 1 Pro¬zent, vor allem im Vertrieb sowie der Forschung und Entwicklung.
„Wir müssen uns wärmer anziehen. Denn wir können uns der weltwirtschaftlichen Abkühlung, die jetzt sogar China erfasst, nicht entziehen und müssen auch weitere Risiken wie Nachfragerückgänge aus der Verunsicherung durch die Schuldenkrise im Auge behalten. Um Betriebe und Arbeitsplätze krisenfester zu machen, müssen wir beweglich bleiben, Flexibilitätspuffer wie Zeitarbeit und Befristung nutzen, aber auch Kosten drosseln können“, so Fasbender.
Zur „aktuellen Situation beim Fachkräftebedarf“ haben die teilnehmenden Unternehmen bereits jetzt einen „massiven Mangel im naturwissenschaftlich-technischen Bereich“ konstatiert – und zwar auf allen Ebenen: bei den Auszubildenden, deutlich schlimmer noch bei den Fachkräften und Akademikern, führte
Dr. Helmut Rau, Geschäftsführer Tarifwesen, aus. Die gute Nachricht sei, dass der Beschäftigungsbedarf weiter steigen werde. Aber die Besetzung gelinge immer schlechter. Bereits 37 Prozent der Unternehmen können ihre Akademiker-Positionen nicht mehr planmäßig besetzen, 35 Prozent ihre Fachkräfteplätze und noch fast ein Fünftel die Ausbildungsstellen. Und sie erwarten hier eine deutliche Verschärfung: auf jeweils 45, 46 und 26 Prozent. Dabei sind die Gründe unterschiedlich: Liegt es bei den Auszubildenden häufig an einer zu geringen MINT-Qualifikation, gibt es inzwischen einfach zu wenig Bewerber bei den Fachkräften und Akade¬mikern. Dementsprechend bewerten die Unternehmen auch die wirtschaftlichen Auswirkungen differenziert: bei den Auszubildenden noch als „relativ gering“, bei den Fachkräften aber als „relativ stark“ und bei den Akademikern schon als „stark“. Denn die M+E-Unternehmen „werden an ihrem Wachstum künftig vor allem dadurch gehindert, dass es weniger qualifizierte Arbeitskräfte gibt“, so Rau. Eine Abkühlung der Konjunktur bremse diese Entwicklung nur kurzfristig aus.
Dabei tue die hessische M+E-Industrie „schon eine ganze Menge“: Die unbefristete Übernahme ist bei 76 Prozent die Regel, die übrigen Jugendlichen orientierten sich eher selbst anders. 37 Prozent der Ausbildungsplätze werden über den eigenen Bedarf hinaus zur Verfügung gestellt, 12 Prozent der Betriebe bilden förderungsbedürftige Jugendliche aus. Und schließlich bieten sie 658 dualen Studiengängern einen Arbeitsplatz.
Unter den genannten Möglichkeiten zu einer spürbaren Verbesserung der Fachkräftesituation sehen mehr als ein Drittel der beteiligten Unternehmen die „bessere Schulbildung und Berufsvorbereitung in der Schule“. 22 Prozent halten die „Weiterbildung von Arbeitnehmern zur Verbesserung der Qualifikation“ für wichtig, 16 Prozent eine „bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und 15 Prozent „qualifizierte Zuwanderung und bessere Integration von Migranten“ sowie Erleichterungen für Arbeitsgenehmigungen. „Wir als hessische M+E-Industrie sehen mittelfristig nur in der Summe aller dieser Maßnahmen die Chance, den Fachkräftebedarf in Deutschland und Hessen sicherzustellen. Vor allem aber brauchen wir eine MINT-Offensive“, so Rau weiter. Die Schüler bräuchten mehr Unterrichtsstunden in den MINT-Fächern. Die „naturwissenschaftliche, schulische Lücke“ in den Jahrgangsstufen 5 und 6 müsse geschlossen werden. Der Unterricht müsse praxisorientierter werden. Und Schulen und Unternehmen sollten intensiver und besser kooperieren, um mehr „unentschlossene, aber begabte“ Schülerinnen und Schüler an MINT-Berufe und -Studiengänge heranzuführen.