"Gewerkschaft bringt kein Wort der Ermutigung über die Lippen"
Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser bei dpa über Gewerkschaften und die Konjunkturaussichten
27.12.2010

Die deutsche Metall- und Elektroindustrie bleibt 2011 auf ihrem Aufholkurs, wenn auch mit verlangsamtem Tempo. Die Euro-Krise sei dabei als größeres Risiko zu sehen, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall,
Martin Kannegiesser, in einem Gespräch der Nachrichtenagentur dpa. Im kommenden Jahr könne die Branche mit einem Anstieg der Produktion von mindestens fünf Prozent rechnen. "2012 wäre dann in der ganzen Breite wieder eine Normalauslastung erreicht." Voraussetzung sei aber, dass Europa und seine gemeinsame Währung nicht in
neue Turbulenzen gerieten.
"Der Kernmarkt bleibt für uns die EU",
dorthin gingen rund 60 Prozent der Ausfuhren, sagte Kannegiesser. "Die
EU ist unser Heimatmarkt, deshalb kann man eigentlich nicht mehr von
Ausfuhren sprechen." Eine Schwäche Europas könne auch von einem
stärkeren Export nach China nicht ausgeglichen werden. Steigende
Rohstoffkosten könnten die deutsche Exportwirtschaft ebenfalls belasten.
2010 dürfte die Produktion der Metall- und Elektrobetriebe um rund 15
Prozent zugelegt haben. "Wir kommen aber aus einem tiefen Tal, hatten
2009 einen Einbruch von 23 Prozent", sagte Kannegiesser. "Wir setzen
darauf, dass wir Ende 2011/Anfang 2012 wieder das Niveau von 2008
erreicht haben werden."
In der Branche entstehen langsam auch wieder Arbeitsplätze. Vom
Wendepunkt bei der Beschäftigung im April bis Ende Oktober seien per
saldo bereits 25 000 Stellen hinzugekommen, berichtete Kannegiesser. In
der Wirtschaftskrise waren jedoch 220 000 Arbeitsplätze in den
Stammbelegschaften verloren gegangen.
Der Gesamtmetall-Präsident wies den Vorwurf der IG Metall zurück, viele
Unternehmen verhinderten durch Leiharbeit, Werksverträge und
Arbeitsverdichtung einen stärkeren Aufbau von Beschäftigung. "Das ist so
pauschal ungerechtfertigt und auch unfair", sagte Kannegiesser. Er
erinnerte daran, dass in der Konjunkturkrise trotz dramatischer
Absatzeinbrüche 95 Prozent der Stammbelegschaften gehalten worden seien.
Im Zusammenspiel mit den Gewerkschaften seien alle Möglichkeiten
ausgeschöpft worden, um Beschäftigung zu sichern. "Wir haben dies
ausdrücklich als gemeinsame Leistung mit unseren Belegschaften und mit
der IG Metall anerkannt die Gewerkschaft bringt kein Wort der
Ermutigung und Anerkennung für uns Unternehmer über die Lippen", so
Kannegiesser.
"Jetzt sind wir froh, seit einigen Monaten Schritt für Schritt aus der
Krise zu kommen." Die Unternehmen seien gerade dabei, ihre
Eigenkapitalbasis wieder aufzufüllen. Es sei verständlich, dass Firmen
bei unsicherer Auftragslage mit Einstellungen noch vorsichtig seien. "Die Stammbelegschaften zu pflegen, bleibt eine Hauptaufgabe. Denn das
kollektive Wissen einer Mannschaft ist mehr wert als die Summe einzelner
Köpfe."
Die Ankündigung der IG Metall, im Frühjahr 2012 mit einer hohen
Lohnforderung gehen zu wollen, stieß bei Kannegiesser auf Unverständnis. "Wer dies eineinhalb Jahre vor der Tarifrunde tut, will entweder
Unfrieden in die Betriebe tragen oder steht persönlich unter Druck."
dpa-Gespräch mit Martin Kannegiesser. Das Gespräch führte Bernd Röder.
Erschienen am 25. Dezember 2010.
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