14 Prozent
unserer Betriebe sehen inzwischen Wachstumsbehinderungen durch
Fachkräftemangel, dieser Anteil hat sich binnen eines Jahres verdoppelt. Das heißt, den Betrieben ist die Bedeutung der Ausbildung bewusst. Und entsprechend wird es heute schon in einigen Bereichen schwierig, Ausbildungsplätze zu besetzen.
NOZ: Die zuständige Ministerin Ursula von der Leyen redet beim Thema ausländische Fachkräfte gern von der Ingenieurin aus Kanada und der Ärztin aus Israel. Passen dazu Forderungen aus der Regierung und der Wirtschaft, das Mindestgehalt für die Vorrangprüfung auf 40 000 Euro im Jahr abzusenken? Soviel verdient im Schnitt ein deutscher Metallfacharbeiter.
Kannegiesser: Es wäre zweckmäßig, die jetzt geltende Grenze von 66 000 Euro herabzusetzen, weil wir im Bereich Techniker, Ingenieure, aber auch Facharbeiter, in eine Situation hineinlaufen, wo wir auch verstärkt ausländische Kräfte aus Nicht-EU-Ländern benötigen.
NOZ: Also geht es anders als in den Beispielen der Ministerin nicht allein um akademische Spitzenkräfte, sondern auch um Arbeiter, die wir aus dem Ausland brauchen?
Kannegiesser: Im Augenblick ist das noch nicht akut, aber wir könnten in eine solche Situation hineinwachsen. Wenn wir sehen, wie die Schulabgängerzahlen zurückgehen, kann es sein, dass wir solche jungen Leute aus dem Ausland brauchen. Wir müssen ja auch in Europa etwas unternehmen. Nehmen Sie das Beispiel Spanien mit fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit: Wenn wir dagegen nichts unternehmen, wird das irgendwann auf uns zurückschlagen. Schon jetzt bietet man Sprachkurse an, um diesen jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich innerhalb Europas frei zu bewegen. Das sind nicht mehr die Gastarbeiter früherer Zeiten. Wir sind inzwischen ein Binnenmarkt. Und wenn man diesen jungen Leuten die Chance geben kann, bei uns tätig zu werden, sollten wir das tun. Insgesamt aber möchte ich aber auch klar sagen: Zuwanderung ist wichtig, kann aber keinesfalls allein die Lösung sein.
NOZ: Halten Sie die Art und Weise, wie die Politik mit der Eurokrise umgeht, für richtig?
Kannegiesser: Es wäre wünschenswert, wenn hier eine sehr klare und für alle nachvollziehbare Linie gefahren würde. Nun muss man immer fairerweise sagen: Dies ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite wollen wir die Währungsunion erhalten, denn sie ist eine wichtige Voraussetzung auf dem notwendigen Weg, in Europa voranzukommen. Auf der anderen Seite muss man vermeiden, dass das finanziell ein Fass ohne Boden wird. Dass wir den gemeinsamen Markt nicht ohne angemessenen Beitrag der finanziell Stärkeren hinbekommen, muss man akzeptieren. Voraussetzung ist aber, dass diejenigen, die gemeinschaftliche Stützung in Anspruch nehmen, auch ein Stück Souveränität aufgeben müssen. Ein durchgängiges Konzept für diese Gratwanderung mit entsprechenden klaren Schritten sehe ich noch nicht.
NOZ: Die Bundesregierung lehnt eine gemeinsame Haftung für überschuldete Länder durch Eurobonds ab. Auf der anderen Seite kauft die EZB Staatsanleihen solcher Länder auf. Kann das eine Instrument Teufelszeug sein, wohingegen das andere vertretbar ist?
Kannegiesser: Im Grundansatz unterscheiden sich die beiden Instrumente kaum. Der große Unterschied ist, dass es in einem Fall die im Prinzip unabhängige Zentralbank macht, im anderen Fall wäre es eine politisch legitimierte Aktion, die durch die bisherigen Verträge nicht gedeckt ist. Die Zentralbank ist bei solchen Entscheidungen, übrigens auch in Amerika, immer der Puffer, der die Handlungsunfähigkeit der Politik ausgleichen muss.
NOZ: Die Regierung hält an ihrer Wachstumsprognose von 2,6 Prozent für dieses Jahr fest, obwohl der Aufschwung im zweiten Quartal fast zum Stillstand gekommen ist. Was sagen Sie dazu?
Kannegiesser: Wir können optimistisch sein, weil wir in unserer Industrie im Weltvergleich nach wie vor gut aufgestellt sind. Voraussetzung für eine positive Entwicklung ist aber, dass nicht von außen weitere Probleme und Turbulenzen auf uns zukommen. Die Weltwirtschaft ist komplexer geworden und die Zahl der Risiken stark gestiegen. Das darf man bei allem Optimismus nicht verschweigen. Wir sind überwiegend eine Investitionsgüterindustrie. Unsere Kunden kaufen unsere Produkte nicht aus Ersparnissen. Also wir sind sehr abhängig von der Finanzierungsfähigkeit unserer Abnehmer und damit von den Kapitalmärkten. Turbulenzen auf diesen Märkten schlagen also bei uns voll durch und wir laufen durch manche Zonen dieser Welt mit eingezogenem Kopf, weil wir nicht wissen, wann uns die nächste Keule trifft.
NOZ: Sehen Sie denn Korrekturbedarf für die Wachstumserwartung Ihrer Branche?
Kannegiesser: Bisher nicht. Wir erwarten für 2011 ein Wachstum zwischen acht und zehn Prozent. Das ist deutlich überdurchschnittlich, weil wir auch durch die Krise deutlich überdurchschnittlich getroffen worden sind. Im nächsten Jahr erwarten wir allerdings eine Abschwächung des Wachstums, weil die Dynamik bei den Auftragseingänge nachlässt. Ich denke aber, dass wir 2012 noch mit einem Wachstum von um die vier bis fünf Prozent rechnen können. Das ist immer noch ordentlich, aber es zeigt sich eben, dass bei uns die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden.
Das Interview führte Norbert Meyer, Neue Osnabrücker Zeitung.
Erschienen am 3. September 2011