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Fachkräftemangel: „Die Entwicklung ist dramatisch“

Hessenmetall-Geschäftsführer Volker Fasbender spricht im FR-Interview über neue Wege, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen.

14.03.2011
 Frankfurter Rundschau (FR): Herr Fasbender, ist der Arbeitnehmer künftig König?  Herr Fasbender: Nein, wir denken, dass auch in Zukunft der Kunde und das Produkt des Unternehmens im Mittelpunkt stehen.
FR:
Fachkräfte aber werden immer mehr zur Mangelware – und müssen von Firmen umworben werden. Herr Fasbender: Qualifizierte Arbeitnehmer haben immer mehr die Wahl – das verbessert ihre Verhandlungsposition in der Tat entscheidend. Kurz: Qualifikation wird zur knappen Ressource. Das Jahr 2010 markiert die Wende auf dem Arbeitsmarkt.
FR: Was meinen Sie mit Wende?

Herr Fasbender: Wir können den Fachkräftebedarf nicht mehr allein mit den klassischen Methoden decken. Wir müssen neue Wege suchen, weil wir mitten in einem Paradigmenwechsel stecken.

FR: Wie sieht dieser Paradigmenwechsel aus?

Herr Fasbender: Es gibt in Zukunft mehr ältere als jüngere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt. Jedes Jahr gehen mehr Menschen in Rente, gleichzeitig rücken jedes Jahr weniger Schulabgänger und Hochschulabsolventen nach. Bisher stand für jeden ausscheidenden Arbeitnehmer rechnerisch mehr als ein Nachfolger zur Verfügung. In Zukunft geht diese Rechnung nicht mehr auf. Noch unterschätzen die Unternehmen, insbesondere mittelständische, die Dramatik der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Wir brauchen in Zukunft völlig neue Lösungen, wenn wir nicht riskieren wollen, dass der Fachkräftemangel in Deutschland zur Wachstumsbremse wird.

FR: Sie regen an, die Wochenarbeitszeit der Beschäftigten zu verlängern. Welches Interesse könnten gut qualifizierte Fachkräfte daran haben?

Herr Fasbender: Mehr Geld zu verdienen könnte eine solche Motivation sein. Wir sollten denjenigen, die – vielleicht auch nur vorübergehend – länger arbeiten wollen und können, diese Option auch bieten.

FR: Gewerkschaften und Arbeitnehmer sollen alte Denkschablonen ablegen, fordern Sie. Welche Positionen stehen Ihrer Einschätzung nach der Bewältigung des demografischen Wandels und seiner Folgen im Wege?

Herr Fasbender: Ich möchte zwei Beispiele nennen: den Jugendwahn und das Besitzstandsdenken. Als viele junge Menschen auf den Arbeitsmarkt drängten, haben wir über Altersteilzeit die Älteren früher in den Ruhestand geschickt, um ausreichend Arbeitsplätze für Jüngere freizumachen. Aber die Zeiten ändern sich. Wir haben immer weniger junge Menschen und werden in Zukunft jeden brauchen – statt gut qualifizierte Menschen für viel Geld in Vorruhestand zu schicken.

FR: Und das Besitzstandsdenken?

Herr Fasbender:
Das kommt jetzt ins Spiel. Plötzlich ist die vorgezogene Rente nicht mehr eine Notwendigkeit, sondern ein Privileg, das es zu verteidigen gilt. Aber wir sind weder in der Lage, das weiter zu finanzieren, noch machen solche Konzepte unter den zukünftigen Anforderungen irgendeinen Sinn. Menschen sind viel gesünder als früher, sie werden wesentlich älter und sind – mit Ausnahme einiger Berufe mit hoher körperlicher Belastung – auch bis ins hohe Alter leistungsfähig.

FR:
Welche Folgerungen ziehen Sie aus den Ergebnissen der Umfrage zur Arbeit der Betriebsräte mit Blick auf Qualifizierung von Arbeitnehmern, Familienfreundlichkeit und Frauen in Führungspositionen?

Herr Fasbender: Wir sollten darüber nachdenken, wie wir Menschen, die schon einen Job haben, weiter entwickeln können und sie dazu ermutigen, sich noch besser zu qualifizieren. Weiterbildung ist für jede Altersgruppe da – auch und gerade für Ältere. Bisher gilt es nicht als selbstverständlich, dass man mit 50 Plus noch etwas Neues lernt. In Zukunft sollte das anders sein. Wir werben auch dafür, dass Unternehmen Arbeitnehmern, die bisher wegen familiärer Pflichten kürzertreten oder kündigen, attraktive Angebote machen, wie sie Familie und Beruf besser unter einen Hut bringen. Mütter und Väter oder Menschen, die Angehörige pflegen und bisher eine Auszeit nehmen, könnten häufiger für angepasste Arbeitszeitmodelle gewonnen werden.

FR: Wie wollen Sie diese Ideen umsetzen?

Herr Fasbender: Die Betriebsräte haben sich in der Krise bewährt und als Partner der Unternehmensleitung viele konstruktive Lösungen mit auf den Weg gebracht. Jetzt ist die Versuchung groß, aufzuatmen und zu denken, dass man zu den alten Zeiten und Vorstellungen zurückkehren kann. Wir möchten die positive Erfahrung aus der Krise mitnehmen und mit den Betriebsräten gemeinsam an neuen Lösungen arbeiten.

FR: Worum geht es?

Herr Fasbender: Wir brauchen Ideen, wie wir das große Potenzial von immer mehr gut ausgebildeten Frauen auch in verantwortungsvollen Führungspositionen nutzen können; wie wir unser Unternehmen mit familienfreundlichen Konzepten zu einem attraktiven Arbeitgeber machen können Und wie wir ausländische Fachkräfte gewinnen und erfolgreich integrieren können. Ich wünsche mir, dass wir aufhören, die Schlachten der Vergangenheit zu schlagen. Die wirklich wichtigen Aufgaben sind immer konkret. Wir wünschen uns, dass Gewerkschaften und Betriebsräte mit daran arbeiten, wie wir trotz der demografischen Veränderungen genügend Fachkräfte in Deutschland mobilisieren.

Interview: Peter Hanack/ Frankfurter Rundschau

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