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Wirtschaftszeitung Aktiv vom 28.08.2010

Arbeiten wie in einer großen Familie

Karl Elektronikbau – der etwas andere Zulieferer


Verlässt sich auf ihre Mitarbeiter und ihr Bauchgefühl: Rosemarie Karl, die von der Belegschaft auch schon mal auf Händen getragen wird. Fotos: Scheffler


Reichelsheim. „Vermutlich sind es meine Ehrlichkeit und meine offene Art, Dinge anzugehen, die unsere Firma gerettet hat und heute gut trägt“, sagt Rosemarie Karl. Und genau deshalb tragen die Mitarbeiter von Karl Elektronikbau ihre Chefin auf Händen. Ihr Mann Lothar gründete sein Unternehmen 1980 als Drei-Mann-Betrieb. Rasch entwickelte es sich zu einem anerkannten Zulieferer der Elektronik-Industrie mit knapp 40 Mitarbeitern. Als Karl 1999 völlig unerwartet an Herzversagen stirbt, steht der Betrieb vor dem Aus. Der wichtigste Großkunde springt sofort ab.

Michael Geissner: „Keiner hätte erwartet, dass sich
alles
so gut für uns entwickelt.”

„Es war für alle ein Riesen-Schock. Keiner hätte ihr einen Vorwurf gemacht, wenn sie einfach aufgegeben hätte“, erinnert sich Michael Geissner, heute Prokurist und Qualitätsmanagement-Beauftragter. Die Chefin, Mutter von zwei Töchtern, hatte bis dahin immer nur aushilfsweise im Betrieb gearbeitet und die Buchhaltung gemacht. Nach langem Überlegen will sie weitermachen: „Meinem Mann zuliebe – und ich konnte doch unsere Leute nicht einfach hängen lassen.“

Gemeinsame Freizeit
Mit Geissner geht sie Klinken putzen. Klappert Kunden ab und wirbt um Aufträge. „Anfangs hatten wir beide feuchte Hände, aber es lief immer besser, obwohl die ersten Jahre hart waren“, erzählt Geissner. Auch der verlorene Großkunde kommt zurück: „Gute Lieferanten sind gesucht.“ Karl spezialisiert sich auf Schaltschrankbau und die Fertigung von Flachbaugruppen. Der Betrieb wächst. Er beschäftigt heute 140 Mitarbeiter und 6 Auszubildende. Das Team hält zusammen. Viele verbringen auch die Freizeit miteinander.

Für Oliver Bode und Kollegen „Puzzeln für Fortgeschrittene”.

Produziert wird an vier Standorten, neben dem Stammsitz in Reichelsheim auch in Groß-Umstadt, Hanau und Darmstadt. Denn „Kundennähe“ wird wörtlich genommen. So fertigt Karl in eigens angemieteten Räumen bei Messer Cutting & Welding in Groß-Umstadt und bei ABB in Hanau. In Darmstadt übernahm Rosemarie Karl im März 2010 die insolvente GRS Schaltanlagenbau GmbH, die ihre Wurzeln im zerlegten Schenck Konzern hat. Die 17 Mitarbeiter behielten ihre Jobs, und es wird weiter produziert, jetzt auch für die Automobil-Industrie.

Mitarbeiter am Erfolg beteiligt
Trotz Umsatzrückgang im letzten Jahr (8 Millionen Euro nach 9,5 Millionen Euro in 2008) hatte Karl Elektronikbau „ein gutes Jahr“. 2010 soll erstmals die Zehn-Millionen-Marke geknackt werden. Von Kurzarbeit keine Spur. Für die Unternehmerin ist es selbstverständlich, ihre Mitarbeiter am Erfolg teilhaben zu lassen: „Sie sind mein Kapital, und ohne sie läuft gar nichts.“ Seit vier Jahren gibt es eine Gewinnbeteiligung, seit Juli 2010 erhalten alle 10 Prozent
mehr Lohn. „Klasse“, freut sich Produktionsmitarbeiter Peter Muhn, „von der Krise haben wir wirklich nicht viel mitbekommen.“

Laviniu Minea: „Viele in meinem Freundeskreis beneiden mich um meinen Job, weil ich trotz Wirtschaftskrise ganz normal arbeite – ohne Einschränkungen.“

Geht es nach Rosemarie Karl soll es auch in Zukunft so bleiben. Sie kümmert sich um Aufträge und die Finanzen und setzt weiter auf ihre Teams: „Von Technik habe ich keine Ahnung, aber ich habe Mitarbeiter, auf deren Können und Motivation ich mich zu 100 Prozent verlassen kann.“
MAJA BECKER-MOHR